Über den Tellerrand

Über den Tellerrand

„Die Bibliothek ist der Öffentlichkeit nicht wirklich bekannt. Sie ist ein Lagerort für Bücher, die verboten sind, wurden, oder noch verboten werden könnten – entweder von uns oder von einer anderen … Autorität. Bücher, die so extrem und ungewöhnlich sind, dass wir noch nicht einmal zugeben dürfen, dass wir auch nur an ihnen interessiert sind, um kein öffentliches Ärgernis zu erregen. Bücher, die, aus dem einen oder anderen Grunde, nie hätten geschrieben werden sollen.

(Kardinal Ruffo-Scilla in All-Consuming Fire von Andy Lane)

 

In unregelmäßigen Abständen posten wir auf Facebook Kurzbesprechungen von verwandten Spielen anderer Verlage, die interessant sind oder unsere eigene Spielwelt um neue Facetten bereichern oder Anregungen geben können. Hier sammeln wir diese Beiträge in leicht überarbeiteter Form und alphabetisch sortiert.

 

Airship Pirates

Airship Pirates ist ein Steampunk-Rollenspiel nach den Motiven der Band Abney Park, die als einer der wichtigsten Vertreter der Steampunk-Musik gilt. Das dicke Hardcover (304 Seiten) wurde von Peter Cakebread und Ken Walton geschrieben und 2011 von Cubicle 7 Entertainment veröffentlicht.

Airship Pirates spielt im Jahre 2150 einer postapokalyptischen Welt, die sich auf dem Entwicklungsstand eines mit fantastischen Elementen durchsetzten “Neo-Viktorianismus” eingependelt hat – in 1880-Terminologie also ein Wert von “4” im Stellenwert für Geschichtsverlauf in Dr. Horreums Plausibilitäts-Indikator. Spielort sind die USA, Informationen zu anderen Kontinenten finden sich nicht.

Kernpunkt aller Abenteuer ist ein Piraten-Luftschiff, mit dem die Spielerfiguren unterwegs sind, um ihren Reichtum zu mehren und sich mit der (natürich ebenfalls flugfähigen) Imperialen Luftmarine auseinanderzusetzen. HInzu kommt mit Doctor Calgoris chrononautischen Maschinen ein Zeitreiseelement. Entsprechend finden sich umfassende Regeln für Luftkämpfe und Zeitreisen.

Das grundlegende Regelsystem ist Cubicle 7s “Heresy Engine”, die auch bei Victoriana und Dark Harvest Verwendung findet. Das Spiel funktioniert mit einem Würfelpool aus sechsseitigen Würfeln, dessen Umfang sich aus der Höhe der Attribute und des Fertigkeitswertes sowie der Schwierigkeit der Aufgabe ergibt. Dabei kommen schnell so große Mengen Sechsseiter zusammen, dass sich die Regeln an mehreren Stellen Gedanken um “Abkürzungen” machen, wie man vielleicht doch nicht so viele Würfel werfen muss.

Der Hintergrund ist ein wenig speziell, aber durchaus interessant. Man sollte allerdings gern mit vielen Sechsseitern umgehen, wenn man Airship Pirates spielen möchte.

 

Dark Harvest

Wie schon Airship Pirates beruhtDark Harvest auf dem Regelsystem “Heresy Engine” von Cubicle 7 Entertainment, das auch Victoriana zugrunde liegt. Grundlegend würfelt man mit vielen Sechsseitern (im Falle von Dark Harvest allerdings deutlich weniger als bei Airship Pirates), zieht ein paar andere Sechsseiter ab und zählt dann die erzielten Erfolge, um diese mit einer Tabelle zu vergleichen, aus der man den Grad des Erfolges entnimmt. „Heresy“ und wir werden sicherlich keine Freunde mehr, aber das macht ja nichts.

Dark Harvest stammt aus dem Jahr 2010 und wurde in der Hauptsache von Iain Lawson verfasst. Andere Autoren haben Kurzgeschichten und die (eher kurzen) Rollenspielregeln beigesteuert. Das Buch hat 216 Seiten Umfang im Softcover, auf den Umschlaginnenseien prangen Farbkarten des Landes, in dem die sich die Handlung abspielt: Rumänien. Oder, genauer gesagt: Promethea, im Jahr 1910.

Wie der Name Promethea schon andeutet, haben wir es hier mit einem Spiel zu tun, das sich mit Viktor Frankenstein beschäftigt, dessen Kreatur ja bereits im Titel von Mary Shelleys Roman als “der moderne Prometheus” bezeichnet wird. Hier nun gehen die Autoren von der Prämisse aus, dass Frankenstein sich über die Jahrzehnte hinweg in Rumänien eine Machtbasis aufgebaut hat, bis er schließlich die Herrschaft über das Land übernehmen konnte – und es in Promethea umbenannte.

Promethea ist vom Rest Europas abgeschottet, die Bevölkerung lebt wieder wie im Mittelalter. Einer kleinen Elite stehen allerdings moderne Entwicklungen zur Verfügung, mit denen sie allen anderen europäischen Nationen weit voraus ist. Körperliche Veränderungen durch Operationen sind an der Tagesordnung, wie man in einem Land, das von Viktor Frankenstein regiert wird, ja auch erwarten kann. Promethea ist ein sehr düsteres Land – eine klassische Dystopie.

Der Hintergrund ist stimmig gemacht. Wenn man ein bisschen mit der gelieferten Alternativweltgeschichte spielt, könnte man die gegebenen Informationen auch bei Abenteuer 1880 einsetzen (der Band gibt sogar Anmerkungen, wie man Promethea in die Welt von Victoriana einbauen kann, und da sind wir ja im Jahr 1867). Die Regeln für das Verändern menschlicher Körper durch vergleichsweise fortgeschrittene Medizin lassen sich mit wenigen Anpassungen gleich mitübernehmen. Würden wir das jemals in diesem Detail behandeln wollen, hätten wir mit Dark Harvest eine gute Vorlage.

Neben den Hintergrund- und Regelkapiteln bietet Dark Harvest auch eine literarische Komponente: Die Einleitung erfolgt in Form einer Kurzgeschichte, und im Anschluss an die Landesbeschreibung folgen fünf weitere Geschichten.

Alles in allem ist das ein sehr schöner und stimmig gemachter Band vor dem Hintergrund der Schauerromantik, aus dem man auch guten Nutzen ziehen kann, wenn man nicht mit der „Heresy Engine“ spielt.

 

DragonMech

DragonMech von Goodman Games, verfasst von Joseph Goodman und erschienen 2004, ist eine D20-Fantasy-Variante nach der Open Gaming Licence, in der nach einer Großen Katastrophe die Menschen in beweglichen Städten den Kontinent „Highpoint“ auf einer Spielwelt, die anscheinend einfach „DragonMech“ heißt, durchqueren. Diese wird seit etwa 100 Jahren von einem Phänomen heimgesucht, das „Lunarer Regen“ heißt, weil der Mond langsam auf die Welt stürzt, was sich in einem heftigen Bombardement von Meteoriten und anderem Zeugs auswirkt, was die Lebewesen der Spielwelt dazu veranlasst hat, sich auf Wanderschaft in geschützten Habitaten zu begeben – den „Mechs“. Und da der Mond nun nahe genug ist, dass seine Bewohner die Spielwelt erreichen können, erklärt sich auch der „Dragon“-Teil des Titels – denn auf dem Mond gibt’s Drachen.

DragonMech ist eine außergewöhnliche Fantasy-Variante, bei der sich alles um die über die Oberfläche wandernden Städte und ihre Probleme sowie Konflikte dreht. Insofern sind die „Mechs“ das Kernstück des Spiels. Und bei „Mechs“ reden wir von solchen in einem pseudo-mittelalterlichen und Renaissance-Stil, der durchaus Steampunk-Aspekte hat. Ein Mech kann von Dampf- oder Menschenkraft, aber auch durch Uhrwerke betreiben sein – oder selbst belebt oder gar untot. Die kleinsten Mechs sind etwas 3 Meter hoch und eher als „Beiboote“ der größeren zu verstehen; ein „Stadt-Mech“ kann eine Höhe von bis zu 500 Metern erreichen und ist damit tatsächlich eine wandelnde Kleinstadt mit bis zu 5.000 Bewohnern. Das Konzept ist faszinierend.

Ich hatte mir das Spiel ursprünglich gekauft, als ich auf der Suche nach Inspirationen zu Regeln zum Erschaffen von Automata war. Dazu sind die hier vorgestellten Mechs zu groß, aber die grundlegenden Design-Elemente sind schon interessant. Und nebenbei fiel bei der Lektüre des Bandes der Zauber Fluch des Zahnrads für das Cabinett der Curiositäten und Mirakel ab.

Man sollte sich das Buch aber auch ansehen, wenn man auf der Suche nach einer Fantasy-Welt abseits des Üblichen ist. Die D20-Regeln sind ja verbreitet genug.

 

Etherscope

Beim Aufräumen habe ich die Zweitauflage von Etherscope gefunden (Nigel McClelland und Ben Richmond, Goodman Games, 2005).

Das Spiel ist 1984 angesiedelt und nennt sich „Cyberpunk Victoriana“. Der Alternativwelt-Hintergrund ist ein bisschen dünn („Oh, wir Briten haben den Äther entdeckt, deshalb haben wir uns aus dem Ersten Weltkrieg herausgehalten, weil uns eh keiner was kann, und deshalb interessiert zugesehen, wie die Deutschen mit ihren Ätherwaffen die Franzosen weggefegt haben, und dann hatten wir 1937 diese kommunistische Revolution.“), ist aber ohnehin nur eine Beigabe für das „Ätherskop“, eine Art viktorianische Virtual Reality im Stile von „Matrix“.

Und dieser Teil des Buches ist richtig gut gemacht (wenn auch ein bisschen kurz). Man loggt sich als Avatar ein (oder indirekt über einen Fernzugang, mit dem man allerdings in der virtuellen Welt schwächer ist) und hat virtuelle Abenteuer. Man kann auch andere Figuren, die selbst keinen Zugang haben, gleichsam „huckepack“ mitnehmen. Die Idee ist richtig gut.

Der Band ist unter der Open Gaming Licence erschienen, hat also ein an D&D 3 orientiertes Regelwerk.