Das fliegende grüne Schwein

Das fliegende grüne Schwein

“Nimm doch das Schwein. Ich zeichne dir auch ein Logo.”

(Alexandra Velten, 2001)

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“Effing Flying Green Pig Press” (“Verlag verdammtes fliegendes grünes Schwein”) ist sicherlich kein alltäglicher Verlagsname. Aber er hat seine Hintergrundgeschichte. Es war so um 1996, als unser aktueller Herausgeber und Verlagschef auf dem GenCon USA, dem weltgrößten Rollenspiel-Con (damals noch in Milwaukee), die Verkaufshallen durchquerte und an einem Stand mit Zinnminiaturen auf eine gar herzallerliebste Figur stieß: ein grünes Schwein auf einem dünnen Metallsockel, dessen weiße Flügel ganz eindeutig darauf hinwiesen, dass es sich um ein fliegendes Schwein handelt. Ein fliegendes grünes Schwein. Für 4 Dollar.

So etwas muss man kaufen. Zurück in Deutschland fragte Rainer sich, was er denn nun mit seiner Neuerwerbung anfangen sollte. Rollenspiele, in denen fliegende grüne Schweine auftauchen, sind doch eher selten, damals wie heute. Und so stand das Schwein einige Jahre lang in Rainers Zinnfigurenschrank.

SchweinZinn1.jpgIm Jahre 1999 schließlich sannen wir über neue Wege nach, wie man MIDGARD auf der Spielemesse in Essen präsentieren könnte, und zusammen mit Marek (damals noch) Jäger (heute Schwöbel) entstand die Idee des MIDGARD-Moravod-Dungeons, in dem sich Gruppen von Spielerfiguren genau eine Stunde aufhalten konnten, bevor die nächste Gruppe dran war. Der Dungeon sollte auch optisch etwas hermachen, und so fanden im ersten Jahr farbige Bodenpläne (und ab dem Folgejahr dann der für das MIDGARD-Support-Team angeschafften Set mit Mastermaze-Dungeonteilen) Anwendung. Geplant waren 12 Räume mit Begegnungen, und für den Fall, dass einige Gruppen zu schnell durch die Gänge eilten, wurden acht Zufallsbegegnungen geschrieben, von denen eine sich letztlich zum valianischen Hausdrachen entwickelte, wie er im MIDGARD-Bestiarium (4. Auflage) auf Seite 66 zu bewundern ist. Eine andere war das grüne fliegende Schwein, dessen hübsche Zinnminiatur so erstmals sinnvoll eingesetzt werden konnte. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir nicht die geringste Ahnung, wer oder was dieses Schwein ist und was es in diesem Dungeon macht. Es sollte halt in der Gegend herumfliegen und die Leute aufhalten. Nicht ganz überraschend ergab es sich, dass Rainers Verlobte Alexandra Velten sehr angetan war von dem fliegenden grünen Schwein und darauf bestand, es selbst zu spielen, wenn es auf eine Gruppe traf. Somit ist es letztlich ihr zu verdanken, dass sich das Schwein zu der Persönlichkeit entwickelt hat, die es jetzt ist. Es war ein sofortiger Hit. Alexandra war ein tolles grünes fliegendes Schwein. Die Menge tobte. Mit der Zeit entwickelte sich das Schwein zu einer Art Publikumsattraktion, und es ergab sich die leicht groteske Situation, dass es Leute gab, die in Essen fragten, ob denn dieses Jahr das Schwein wieder auftauchen würde. Also tat es das.

Dies bringt uns ins Jahr 2001. Das Quellenbuch zu Abenteuer 1880 sollte endlich erscheinen, und wir brauchten einen Verlagsnamen. “Nimm doch das Schwein”, schlug Alexandra vor, “ich zeichne dir auch ein Logo.” Tja. Wer kann da schon nein sagen? Also entstand das mittlerweile wohlbekannte Logo, dazu gleich noch Namensbuttons mit den Namen von Rainer und Alexandra. Und der Verlagsname ergab sich aus den Reaktionen der meisten Spieler auf das fliegende grüne Schwein. Es war grün, es flog, es war ein Schwein, und es beschimpfte die Spieler. Man musste es einfach lieben. (Das Schwein ist übrigens, gleichwohl man das angelegentlich hört, keine Verballhornung des Pegasus-Logos. Also bitte! Auf so eine plumpe Idee kämen wir nun wirklich nicht. Außerdem mögen wir Pegasus Spiele.)

bismarckklein.gifWir alle wissen ja, dass Rainer ein großer Fan von Otto von Bismarck ist (was nicht zuletzt auch jede/r, der/die an einer bestimmten Schule in Wiesbaden bei ihm in der achten Klasse Geschichte hatte, leidvoll wird bestätigen können). Dem trug Alexandra Rechnung, indem sie für Rainer zur Verwendung im MIDGARD-Forum einen ganz speziellen Avatar erschuf: den Körper des grünen fliegenden Schweins mit dem Kopf des Herrn von Bismarck.

Die Karriere des Schweins war damit aber noch nicht zu Ende. Für die MIDGARD-Demo-Runden auf der Spiel 2003 in Essen schrieb Rainer ein kurzes Abenteuer, in dem auch (wer hätt’s gedacht …) das fliegende grüne Schwein einen Auftritt hatte. Hier erhielt es auch zum ersten Mal einen Namen (und den Ansatz einer Hintergrundgeschichte): Sir Nappy MacWutz. (Ja, es ist ein albisches fliegendes grünes Schwein.) Das Abenteuer wurde unter dem Titel “Die letzte Rast des Al-Sanshoukh” 2006 im Gildenbrief 55 veröffentlicht. Und es hatte eine ganz tolle neue Illustration des Schweins:

gruenes_schwein.jpg (Illustration: Copyright Alexander von Wieding, www.zeichentier.com)

Name und Hintergrundgeschichte folgen Ideen von Alexandra. Dabei ging sie wie folgt vor: Zu diesem Zeitpunkt hatten wir das Schwein ja von Moravod nach Alba verlegt, und da es ein (besonderes) albisches Schwein ist, lag nahe, dass es einer der großen Familien entsprungen und ein Syre sein musste. Als Schwein gehörte es zweifelsohne zur Familie der MacWutz – wozu auch sonst? Der Vorname hingegen ist eine Hommage an eines der größten Schweine der (realweltlichen) Literaturgeschichte: Napoleon aus George Orwells Farm der Tiere. Die volle (MIDGARD-) Hintergrundgeschichte ist mittlerweile sogar veröffentlicht, wenn auch nach einer kleinen Odyssee. Wir hatten sie ursprünglich beim MIDGARD-Gildenbrief eingereicht, als es den noch gab, aber dem dortigen Chefredakteur war sie nicht ernsthaft genug: “Unsere Leser mögen nur ernstgemeinte Beiträge.” Schweinewelt.

Somit bieten wir nun wenigstens aus der Abteilung “Vollkommen sinnlose Dinge” die Spieldaten des fliegenden grünen Schweins für Abenteuer 1880. Warum, wissen wir auch nicht so genau. Zumal Alexandra der Ansicht ist, dass außer ihr ohnehin niemand das Schwein spielen dürfe.

Fliegendes grünes Schwein

10 LP, 12 AP – RK 2 – Gw 50, St 65, In 70 – B 12/24 – SG 10

Angriff: Biss+8 (1W6+2), Klaue+5 (1W6–2); Raufen+6 (1W6) – Abwehr+13, Ausweichen+13

Bes.: fliegt mit B 24; WM–2 auf gegnerische EW:Angriff; Gegnern im Nahkampf muss ein PW:Ko gelingen, damit ihnen aufgrund des Gestanks des Schweineatems nicht schlecht wird (dann WM–2 auf alle Handlungen). Einmal pro Minute kann das Schwein zudem aus dem Hintern eine kleine grüne Giftwolke ausstoßen, die allen im Umkreis von 3 m einen PW–20:Ko abverlangt, bei dessen Misslingen sie 1W6 Runden benommen sind und sich nur verteidigen können; spricht Englisch mit +8.

Der vollständige Artikel (mit MIDGARD-Spieldaten) findet sich übrigens seit 2017 in Dausend Dode Drolle 30, in der aus dem Gildenbrief importierten Rubrik “Rang und Namen” unter dem Titel “Syre Nappy MacWutz” (Seite 24-25). Offensichtlich hält die DDD-Redaktion ihre Leser für belastbarer.

Mittlerweile hat sich herausgestellt (aufgrund der Recherche von Bethina Maier), dass es ganz offensichtlich auch ein fliegendes rosa Schwein (mit hellblauen Flügeln) gibt. Wir wissen nicht, wo es herkommt und in welcher Verbindung es zu Sir Nappy steht, möchten es der geneigten Leserschaft aber nicht vorenthalten. Und mithilfe der Magieregeln im Cabinett der Curiositäten und Mirakel können wir das alles ganz einfach erklären – da hat das Schwein seinen eigenen Eintrag.

Und Manschettenknöpfe mit einem geflügelten Schwein darauf hat Rainer auch. Die waren ein Geschenk von Alexander Huiskes, wenn wir uns recht erinnern.